Alles hat ein Ende – nur Bremen keins

Ende gut, alles gut? Es schien fast so. Aber es war noch nicht das Ende. Mein letzter Blogeintrag ist jetzt gut ein Jahr alt. Momentan sitze ich im Zug von Hamburg nach Berlin und denke daran, dass ich inzwischen wohl ein richtiger Bremer geworden bin. Wie konnte das passieren?

Geplant waren eigentlich nur 18 Monate in der eher wenig maritimen Hansestadt. Überseestadt statt Hafencity, Viertel statt Schanze, Straßenbahn statt U-Bahn, Helenenstraße statt Herbertstraße. Viele „statts“ und nur wenig „Stadt“. Aber da mich meine Geburtsstadt seit eh und je beruflich verschmäht, entschloss ich mich, für einige Zeit in Bremen zu leben. Der SVW steigt leider ab, Lasse Holstenbeck steigt auf. In Bremen geht es beruflich tatsächlich steil bergauf für mich. Das ist jetzt auch der Hauptgrund, weshalb ich nochmal für zwei bis drei Jahre in die Verlängerung gehe. Und während sich der IC, in dem ich jetzt sitze, schleppend durch eine öde Herbstlandschaft gen Osten quält, frage ich mich, ob ich mal wieder einen faulen Kompromiss eingegangen bin.

Immer den einfachsten Weg gewählt. Lieber aufs Hirn statt aufs Herz gehört. Grau in grau. Lauwarm statt heiß oder kalt. Bremen statt Hamburg. Durchschnittsberuf statt Popstar oder Entwicklungshelfer. Schon wieder so viele „statts“.

Habe ich jemals alles auf eine Karte gesetzt? Für eine Person vielleicht mal… und da habe ich mich verpokert. Um einen Preis gekämpft, der niemals ausgeschrieben war. Asse gezogen, die neben dem Tisch landeten. Chips ausgespielt, deren Währung nicht anerkannt war… Das ist schon länger hier. Die Karten sind neu gemischt.

Ich weiß nicht genau, was ich will. Ich gehe einfach durch die Türen, die sich vor meiner Nase öffnen. Natürlich habe ich die Wahl, ob ich meinen Fuß wirklich über die Schwelle setze. Es geht nicht ohne „statts“ in meiner Welt und ich weiß nie, was mich hinter der nächsten Tür erwartet.

Und genau das ist vielleicht der Punkt, an dem mein Grau doch bunt wird, mir heiß und kalt wird und mein Hirn ins Herz rutscht. Bremen ist in Wahrheit ein Abenteuer. Raus aus der Komfortzone – because this is where the magic happens. Mein Ziel? Das bleibt auf lange Sicht Hamburg. Das habe ich nie vergessen. Und deshalb erzählt jetzt auch mein Bremer Waschbecken davon.

Es bleibt spannend…

Euer Lasse

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Die City – Mein Zuhause

Einsatz in vier Wänden? S.O.S – Do it yourself? Die Super-Heimwerker? Warum nur die eigenen vier Wände aufmöbeln, wenn die Stadt in der man wohnt ungemütlicher ist als die eigene Abstellkammer? Das dachten sich wohl auch einige Bremer, die begannen, die City für sich einzunehmen und umzugestalten. The Swan für die Stadt. Nur natürlicher und geringfügig nützlicher für die Allgemeinheit.

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Bildhübsch in Bremen oder was gegen Liebeskummer hilft

Ein fester Freund, der „Oma-mäßig“ sagt, wenn du dich in deinem Lieblingsbikini präsentierst? Ein Liebhaber, der nie bei dir übernachtet, weil er in fremden Betten grundsätzlich schlecht schläft? „Schieß ihn einfach auf den Mond“ war der einzige Ausweg. Und da sich der Abgeschossene nicht bewegen wollte, musste Zoe erstmal weg aus München. Wenigstens für ein paar Tage. Der Mond war dann doch zu weit entfernt, also ab nach Bremen. Immerhin ähnlich abgeschieden und ähnlich klein wie der Erdtrabant. Lasses gute Laune gegen Liebeskummer. Das war der Plan.

In Bremen ging es erstmal ab ins Viertel. Genauer gesagt ins Wohnzimmer. Hamburgern würde ich das so erklären: „Es ist ganz ähnlich wie die beiden Sofabars auf der Schanze.“ Viele Sofas – und in diesem Fall ist Oma-mäßig ein Kompliment. Tagsüber Kaffee. Ab Abend Alkohol. Wir waren nachmittags da… und entschieden uns für Hochprozentiges. Schließlich wollte sie auf den Mond und ich war gerade auf dem Weg zurück davon (siehe Gulliparabel).

Einfach mal nix tun. Im antiken Sofa versacken, das Getränk und die neue Lebenssituation absacken lassen. Sie las den Ratgeber „Schieß ihn einfach auf den Mond“ eifrig weiter und ich blätterte in der 90er-Jahre-Bravo, in der die Getränke- und Speisekarte eingebunden war. Britney, Backstreetboys und Bombay-Gin im Tonic. Herrlich. Direkt neben uns hatten inzwischen vier Damen in den Mittfünfzigern platzgenommen. Sie redeten permanent und permanent durcheinander. Besonders auffällig war die Frau in Netzstrumpfhose, die direkt neben mir saß. Als unsere Couchnachbarinnen gehen wollten, fragte Frau Netzstrumpfhose Zoe, wie alt sie sei. Zoe: „Hmmm. Ich bin 31.“ „Neeeein, wirklich?!“, riefen die Damen durcheinander, „31 Jahre alt. Ganz ehrlich, du siehst aus wie 22! Einfach bildhübsch!“ „Jaaa! Bildhübsch!“ „Und ich wollte sie mit meinem 20-jährigen Sohn aus Hamburg verkuppeln! Bildhübsch!“ „Jaaa! Bildhübsch!“ Mir raunten sie mit schlechtem Gewissen beim Gehen dann noch zu, dass ich natürlich auch hübsch sei. Verkuppeln wollten sie mich jedoch mit niemandem… Für Zoe hats mich aber sehr gefreut!

Frau Netzstrumpfhose

Frau Netzstrumpfhose

Neben diesem netten Egoboost aus der Netzstrumpfhose gabs außerdem noch einen wegweisenden Ratgeber aus der Bravo-Lovestory: „Zwei Eisen im Feuer sind besser als gar kein Rauch.“

Sabrina muss es ja wissen...

Sabrina muss es ja wissen…

Also liebe Zoe, lass es rauchen! Du Bildhübsche in Bremen – das war mal wieder die Wucht in Dosen. Falls du inzwischen noch weitere Mittel gegen Liebeskummer gefunden hast, lass sie mich wissen. So wie ich uns kenne, bringt uns der selbstgemachte Rauch eh allzu bald zum Husten. Dann wieder ab zum Mond. Und in jedem Fall hoffentlich bald wieder nach Bremen.

Dein Lasse

Wer da? Werder!

Zugegeben – lange habe ich mich gescheut, über den SV Werder Bremen zu schreiben. Dabei gehört er genauso zur Stadt wie das Viertel, die Schlachte oder Becks. Während sich meine neue Wahlheimat in vielen Punkten überraschend schön präsentierte, bekam es der legendäre Fußballclub leider nicht hin, entscheidend zu punkten.

Ich bin Werder-Fan, seit ich in einem Sportgeschäft einer Werderposter geschenkt bekam. Da war ich ca. 8 Jahre alt. Auch wenn Hamburg als Stadt schon immer meine Perle war, gehörte der HSV für mich noch nie dazu. Ich hab nichts gegen ihn – aber auch nichts für diesen Verein mit dem Charme einer verkalkten Waschmaschine.

Verkalkt präsentierte sich in den letzten Jahren leider auch der SVW. „Lebenslang grün-weiß“ heißt es hier trotzdem immer noch. So mancher wünschte sich derweilen wahrscheinlich, er hätte sich einfach nur auf rot-weiß eingeschworen. Das sind nämlich die Wappenfarben Bremens und an der Imbissbude kriegt man dafür Ketchup-Mayo auf die Pommes. Glücklicherweise sicherten sich die Grünweißen dann doch den Klassenerhalt und legten diese Saison eine Art Traumstart mit zwei 1:0-Siegen in Folge hin (ja, mit dem Niveau sinken auch die Ansprüche).

War der Club ohne Schaaf tatsächlich schärfer? Neee… doch nicht. Drei Niederlagen in Folge brachten die Gewissheit, dass sich Werder immer noch in einer Neuorientierungsphase befindet, um es mal nett auszudrücken. Und dieses Wochenende mal wieder das Nordderby. Ich muss gestehen, dass ich es aus Angst gar nicht erst mitverfolgte. Ausgerechnet ein Hamburger machte mich dann auf den Triumph der Werderaner aufmerksam. 2:0! Kann ja doch noch was werden diese Saison.

Bremen schießt sich damit wieder in die erste Tabellenhälfte, während der HSV dem Bundesligaschlusslicht gefährlich nah entgegen taumelt. Ich bin gespannt, was die mit ihrem Maskottchen anstellen, wenn sie in der zweiten Bundesliga landen. Schließlich soll der Dino als Symbol dafür stehen, dass der HSV am längsten durchgängig in der 1. Liga vertreten ist. Als längst ausgestorbenes Tier repräsentiert der Dino den Verein vielleicht dennoch in angemessener Weise. Werder ist jedenfalls wieder auf Kurs! Endlich muss ich bei grün-weiß nicht mehr wehmütig an Pommes mit Ketchup-Mayo denken!

Euer Lasse – mit W auf dem Trikot

Ist das noch Graffiti oder einfach Hauswandmalerei?

Egal, wie man es nennt: Es ist schön! Ziemlich bald nachdem ich hierher gezogen war, fielen mir die vielen kreativen Hausbemalungen in der Stadt auf. Zuerst zwischen Hauptbahnhof und Viertel – inzwischen fast überall. Mit offenen Augen kann auch der Arbeitsweg zur Stressart-Gallery-Tour werden. Hier ein paar Eindrücke. Weitere Schnappschüsse folgen mit Sicherheit

 

Beste Grüße vom Balkon – aus den Häuserschluchten Bremens!

Lasse

Stadt der Riesen – Wie Gegensätze und Giganten sich anziehen

Wer die Bremer Bummelzone vom Brill aus betritt, wird Zeuge eines sagenhaften Duells. „Bruns Grosse Größen“ und „Hirmer Grosse Grössen“ stehen sich im Kampf um die Giganten der Stadt gegenüber. Gemeinsam haben sie nicht nur die Vorliebe für „ss“ anstelle von „ß“, sondern auch, dass sie ausschließlich XXL-Mode für Männer an den Mann bringen wollen.

„Hier muss es ja reichlich Riesen geben…“, denke ich mir beim Anblick der mehrstöckigen Konsumtempel für haushohe Hanseaten. Mit meinen – sagen wir mal – 1,79 bin ich zwar größer als die meisten Töchter Evas. Unter den hanseatischen Hünen bin ich jedoch eher ein Zwerg. Wenn ich mir bei „Bruns Grosse Grössen“ eine regenfeste Jacke kaufe, kann ich sie beim nächsten Festival bestimmt auch super als Zelt verwenden. Und den schicken Schal als Schlafsack. Zwischen zwei Bäumen hängt dann meine Unterhose von „Hirmer Grosse Grössen“, die ich für den Mittagsschlaf als Hängematte nutze.

Große Menschen leben im kleinen Bremen. Gegensätze ziehen sich an. Und die XXL-Männer machen das eben in den Spezialkaufhäusern am Brill. Bald eröffnet im (Zitat, Bremerin:) „Dorf mit Straßenbahn“ ja sogar die Rarität Zara: dort herrschen spanische Größenverhältnisse und die fallen meist zu meinen Gunsten aus.

Dass es nicht auf die Größe, sondern auf die inneren Werte, die Technik, die Speicherkapazität usw. ankommt, ist inzwischen ja allgemein bekannt. Genau deshalb schreibe ich über die Stadt der Musikanten. Aus Hamburger Sicht ist sie vielleicht klein, aber offensichtlich mehr als nur oho. Apropos Musikanten – apropos XXL: Als ich das letzte Mal durch die Schlucht der XXL-Läden auf der Shoppingmeile lief, zeigte mein iPod das L nicht an und spielte the xx. Großartige Musik. Cooler Clip.

Hab einen gigantisch guten Tag!

Lasse

Gulli-Parabel

Es war einmal ein Junge. Der fand neben dem prächtig-hässlichen Gebäude der Bremischen Bürgerschaft etwas Wundersames: einen Gulli mit einem Schlitz in der Mitte. „Nun gut“, dachte der Bremer Bursche, „wenn dieser Gulli einen Schlitz hat, so will ich mein Glück versuchen und eine Münze hineinwerfen.“ Kaum war der Taler im Schlitz verschwunden, ertönte ein seltsames Geräusch aus der Tiefe. Es klang wie das Bellen eines Hundes. „Heißa“, rief der Junge verzückt, „mein Taler bringt einen Hund zum Singen. Ich will es gleich noch einmal versuchen.“ Und tatsächlich. Kaum war der Taler in die Tiefe gesaust, bellte ein Hund.

Am nächsten Tag kam der Bremer Bursche wieder am Gulli vorbei und beschloss, erneut den Hund bellen zu lassen. Doch was war das? Nach Einwurf einer Münze hörte er eine Katze. „Habe ich vielleicht ein falsches Geldstück hineingeworfen?“, überlegte der Jüngling besorgt. Auch beim nächsten Versuch belohnte kein Bellen seine Spende, sondern das Krähen eines Hahnes ertönte und ließ dem Burschen alle Haare zu Berge fahren. Er schrie: „Oh Grauß! Die Beine in die Hand genommen und fort mit mir! Vielleicht bellt der Hund nur zu einer bestimmten Uhrzeit.“

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So geschah es, dass der Junge monatelang Tag und Nacht zum Gulli neben der Bremischen Bürgerschaft pilgerte, ein paar Münzen einwarf und lauschte. Doch vergebens. Hahn, Katze und manchmal etwas, das wie ein Esel klang, waren zu hören. Nie mehr wieder aber der Hund. Als der Bursche fast sein ganzes Vermögen in den Schlitz des wundersamen Gullis geworfen hatte, blieb ihm noch ein letzter Taler. Der Jüngling küsste dieses glänzende Stück Metall und warf auch dieses durch den Schlitz in die Tiefe. Nach endlos scheinender Stille ertönte ein… Bellen? Der Junge war nicht nur arm sondern auch wahnsinnig geworden. Er wusste nicht, welches Geräusch er gerade gehört hatte. Ein Bremer Bürger erzählt, er habe den Jüngling zuletzt dabei gesehen, den berühmten Spuckstein abzulutschen…

Diesen Gulli gibt es wirklich. Der Erlös wird für soziale Projekte in Bremen gespendet. Das Märchen ist natürlich nur ausgedacht. Wobei… so fern der Realität ist es vermutlich gar nicht. Der Bursche erinnert mich stark an das eigene Ich. Und zwar besonders, wenn ich verliebt bin. Ob man sich in Bellen, Mijauen, Krähen oder Wiehern verliebt, geschieht ziemlich willkürlich. Die Grenzen zwischen wahrer Liebe und Wahnsinn sind wohl fließender als das Plattdeutsch eines Muttersprachlers. Leider auch genauso schwer zu verstehen. Man investiert (bestenfalls) viel Geld, (aber normalerweise auch noch) viel Zeit und (schlimmstenfalls) viel Herzblut. Die Crux liegt jedoch hierin: Ob sich der Einsatz lohnt, weiß man eben erst zum Schluss. Und dieser Wille zum Einsatz hat gewissermaßen etwas Ehrenhaftes. Wie der große Gatsby, der bis zum letzten Atemzug glaubt, dass seine (recht willkürlich gewählte, weil eigentlich hysterisch-garstige) Daisy zu ihm kommen wird. In diesem Willen zum Einsatz und in dieser unerschütterlichen Hoffnung zeigt sich ein Stück der wahren Liebe. Oder ist es wahre Dummheit? Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es genauso wenig wie der Jüngling am Ende der Parabel.

Wahre Liebe = Wahrsinn? Coco Chanel hat mal gesagt: „Es gibt eine Zeit für die Arbeit. Und es gibt eine Zeit für die Liebe. Mehr Zeit hat man nicht.“ Wenn das stimmt, dann lieben wir, ob wir wollen oder nicht. Dann bleiben wir Gatsby. Dann hören wir nicht auf, Taler in einen Gulli zu werfen. Und wir wissen ja: Wenn das Ende nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende… Ich habe den Jungen übrigens gestern mit einem Golden Retriever an der Weser spazieren gehen gesehen.

In Liebe,

Lasse